Generationen und Gerechtigkeit

Solidarität und Distanz im demografischen Wandel

Die Frage nach Generationengerechtigkeit rückt heute zunehmend in den Fokus, da die Auswirkungen gegenwärtiger Entscheidungen nicht nur die aktuelle, sondern auch kommende Generationen betreffen. Generationengerechtigkeit bezieht sich auf die moralische Verpflichtung, sicherzustellen, dass Ressourcen und Chancen fair zwischen den Generationen verteilt werden.

Der demografische Wandel verändert das gesellschaftliche Gefüge, beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt und im Sozialsystem: Immer weniger Erwerbstätige sind für die Finanzierung des Rentensystems verantwortlich. Immer mehr Menschen gehen in Rente. In den nächsten zwölf Jahren gehen 12,9 Millionen Erwarbspersonen in Rente, und es rücken deutlich weniger Personen in den Arbeitsmarkt nach, so die Prognose.[1]
Aber auch jenseits der Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt stehen Gesellschaften vor enormen Herausforderungen: Wie sieht es mit der Daseinsvorsorge in einer alternden Gesellschaft aus? Was bedeutet dies für das Bildungswesen und die politische Repräsentation?

Welche Themen umfasst Generationengerechtigkeit?

Ein zentraler Aspekt der Generationengerechtigkeit ist Nachhaltigkeit. Wie belasten gegenwärtige Handlungen die Umwelt und die natürlichen Ressourcen, die künftige Generationen benötigen? Die Bewahrung von Umwelt und Ressourcen wird zur ethischen Verantwortung, um sicherzustellen, dass nachfolgende Generationen ausreichend Freiheiten haben, Leben und Gesellschaft zu gestalten. In einem Urteil im Jahr 2021 zum Deutschen Klimaschutzgesetz hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass unzureichende Klimaschutzpolitik heute Freiheits- und Grundrechten von morgen beeinträchtigt. Die verfassungsrechtlich notwendige Reduktion von Treibhausgasen darf nicht länger in die Zukunft und damit einseitig zu Lasten junger Generationen hinausgezögert werden.

Auch im sozialen Bereich sind Entscheidungen in Bezug auf Bildung, Gesundheitswesen und soziale Sicherung entscheidender Bedeutung für die Lebensqualität künftiger Generationen. Generationengerechte Politik strebt nach Chancengleichheit, Minderung sozialer Ungleichheiten und gewährleistet, dass jede Generation die Möglichkeit hat, ihre Potenz zu entfalten.

Der Diskurs über Generationengerechtigkeit betont die Bedeutung intergenerationaler Solidarität. Wie können verschiedene Generationen kooperieren, um eine gerechte Gesellschaft zu schaffen? Dabei spielen nicht nur staatliche Institutionen eine Rolle, sondern auch individuelle Entscheidungen und das Bewusstsein für die langfristigen Auswirkungen des eigenen Handelns.

Welche gesellschaftlichen Konfliktlinien gibt es?

Interessenkonflikte zwischen den Generationen, etwa in Rentensystemen oder im Umgang mit dem Klimawandel, scheinen unvermeidlich. Die gegenwärtige Klassen- und Einstellungsforschung liefert mögliche Kartierungen gesellschaftlicher Konflikte, die mit Generationen verbunden sind, so beispielsweise die aufwendige Studie „Triggerpunkte“ der Berliner Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser. Die großen Konfliktarenen der Gesellschaft sind Armut und Reichtum, Migration, Diversität und Gender sowie Klimaschutz. Diese Themenfelder finden ihren Widerhall in der Frage der Generationengerechtigkeit.

Hier gilt es, Mechanismen zu entwickeln, die den Interessen der Gruppen als Teil von Generationen gerecht werden und faire Lösungen ermöglichen. Welche Dialogformate unterstützen die Abmilderung gesellschaftlicher Polarisierung und die Herstellung neuer Formen generationenverbindenden Handelns?

Was ist zu tun? Es ist wichtig, Gelegenheitsstrukturen für Teilhabe, Austausch und gemeinsames Handeln zu schaffen, die mit den Lebenswelten und Sozialräumen der Generationen verbunden sind. Kommunen sind gemeinsame Räume mit Themen, die die verschiedenen Generationen verbinden können. Auch in konfliktreichen Strukturen können durch wertschätzende handlungsorientierte Ansätze gemeinsame Interessen identifiziert werden.

Mit dem GenerationenCampus möchten wir Möglichkeiten für Austausch und Vernetzung fördern. Wir organisieren Dialogveranstaltungen zum Thema Generationengerechtigkeit, bieten Fortbildungen für Akteur*innen in Kommunen an und präsentieren erfolgreiche, generationenverbindende Aktivitäten, die bereits existieren. Wir wollen mit dem GenerationenCampus Gelegenheiten für Interessierte generieren und vom Austausch ins gemeinsame generationenverbindende Handeln kommen.

[1] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/08/PD22_330_13.html / https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2023/P002.html