Als demokratische Gesellschaft sind wir auf eine grundlegende Verständigung in zentralen Fragen angewiesen. Der Konsens als Leitprinzip öffentlicher Diskussion kann dazu beitragen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Dialog zwischen den Generationen zu stärken.
Key Insights: Worum es geht?
- Manche kommunalen Projekte verfolgen das wichtige Ziel, Generationen einfach wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. In anderen Fällen geht es darum, Angehörige verschiedener Generationen, etwa im Rahmen der Bürger*innenbeteiligung, in die Bearbeitung und Lösung konkreter Sachfragen einzubinden. In solchen Fällen ist die Identifikation der spezifischen Ziele intergenerationeller Begegnungsformate von besonderer Bedeutung: Welches Ergebnis soll im Gespräch der Generationen erreicht werden?
- Ein besonders anspruchsvolles konkretes Ziel eines intergenerationellen Austauschs ist der Konsens: Wo Konsens besteht, haben sich alle Beteiligten darauf verständigt, dass eine bestimmte Lösung, eine bestimmte Maßnahme richtig und vernünftig ist. Es ist oft nicht leicht, Konsens herzustellen – dennoch kann es in bestimmten Fällen auch auf kommunaler Ebene sinnvoll sein, auf einen Konsens hinzuarbeiten.
Der Konsens als Ziel eines Gesprächs zwischen den Generationen
Es gibt manche Themen, bei denen wir uns wünschen, dass alle sich einig sind. Das beginnt bei den Grundlagenfragen von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten: Wir möchten in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen diese Errungenschaften wertschätzen und im Zweifelsfall bereit sind, sie auch zu verteidigen. Gleiches gilt auch für die großen politischen Probleme unserer Zeit: Es wäre wünschenswert, wenn sich eine Gesellschaft darauf verständigen kann, dass die Klimakrise, die wachsende Einsamkeit und die Armut in der Kindheit wie im hohen Alter drängende Fragen aufwerfen, die wir als Gesellschaft gemeinsam beantworten müssen. Und schließlich gibt es solche allgemeinen Herausforderungen auch auf der Ebene einer Kommune: Wir wünschen uns etwa als Einwohner*innen einer Gemeinde, dass unsere Mitbürger*innen oder Nachbar*innen allgemein anerkennen, dass ein Mangel an generationengerechten Freizeiteinrichtungen oder an Kinderbetreuungsmöglichkeiten, zu hohe Luftverschmutzung oder eine im Sommer rasch aufgeheizte Innenstadt Probleme darstellen, an denen alle in der Kommune gemeinsam arbeiten müssen.
Konsens über das Problem – und ein Konsens über die Lösung?
In den gerade angesprochenen Fragen geht es um ein großes politisches Ziel, den Konsens: Ein Konsens besteht dort, wo alle Beteiligten sich auf bestimmte Dinge verständigen können. Was dabei entscheidend ist: Ein Konsens ist nicht durch praktische Notwendigkeit bestimmt – wir einigen uns, weil eine Lösung nun mal her muss, weil Entscheidungen anstehen und nächste Schritte geplant werden müssen. Bei einem Konsens sind vielmehr alle Beteiligten zu der Überzeugung gelangt, dass es richtig ist, die Dinge genau so zu sehen oder zu tun. Der Philosoph Jürgen Habermas, der zu den einflussreichsten Denker*innen unserer Zeit gehört, hat hierfür ein schönes Bild gefunden: Wo Konsens besteht, herrscht der zwanglose Zwang des besseren Arguments: Niemand stimmt mit der geballten Faust in der Tasche zu, weil er sich in der Minderheit weiß oder weil diese Lösung für ihn gerade eben noch erträglich ist. Sondern alle sind sich wirklich einig: Nach Austausch und Debatte sind sie zu dem Schluss gelangt, dass die Dinge genau so gesehen und gemacht werden sollen.
In den Beispielen, die ich zu Beginn dieses Textes angesprochen habe, bezieht sich der Konsens auf Problemlagen: Menschen können gemeinsam zu der Überzeugung kommen, dass bestimmte Schwierigkeiten existieren und diese gemeinsam angegangen werden müssen. Das schließt überhaupt nicht aus, dass sich an den Lösungen die Geister scheiden und von den Beteiligten sehr unterschiedliche Strategien und Ansätze befürwortet oder abgelehnt werden. Doch die Verständigung über das Problem ist ein wichtiger Schritt. Das zeigt sich etwa an Diskussionen der Klimakrise: Es ist eine Sache, über verschiedene Strategien des Klimaschutzes und den richtigen Weg hin zur klimaneutralen Gesellschaft zu diskutieren. Es ist eine ganz andere Sache, sich in der Diskussion darüber zu streiten, ob der Klimawandel überhaupt existiert und ob er für die Menschheit eine Krise darstellt, die unsere Aufmerksamkeit verlangt.
Konsens suchen – auch auf kommunaler Ebene
Warum könnte es für generationenverbindende Gespräche und Formate wichtig sein, sich über die Möglichkeit eines Konsenses Gedanken zu machen? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil Gespräche, die einen Konsens anstreben, anders geführt werden müssen als Gespräche, an deren Ende ein Kompromiss oder auch nur ein klarer Blick auf Streitpunkte und Meinungsverschiedenheit stehen soll. Bei manchen Themen erscheint es von vornherein ausgeschlossen, eine einheitliche Position zu finden, die alle überzeugt. Nutzungskonflikte im zentralen öffentlichen Raum liefern hierfür viele Beispiele. Wenn ich weiß, dass die anderen meine Sicht nicht teilen und auch nicht teilen werden, dann stelle ich andere Fragen. Ich frage mich zum Beispiel, wie kann ein Kompromiss aussehen, mit dem wir alle gut leben können? Mehr dazu gibt es im zweiten Teil dieser Serie.
Es gibt aber gerade auf kommunaler Ebene immer wieder Situationen und Entscheidungen, in denen die Mühen der Suche nach einem Konsens auf sich genommen werden sollten: Wenn ein großes kommunales Areal, zum Beispiel ein bald stillgelegtes Krankenhaus, umgenutzt werden muss, lautet eine der ersten Fragen, vor denen die Kommune steht: Was ist unsere zentrale Idee, was soll hier entstehen? Hier lohnt es sich, etwa in Workshops, die verschiedene kommunale Gruppen und hierbei auch die verschiedenen Generationen mit einbeziehen, nach einer gemeinsamen Strategie zu suchen – einer Strategie, hinter der sich alle versammeln können. Das schließt erneut überhaupt nicht aus, dass es beim Blick auf die Details der neuen Nutzungsstrategie viele und teilweise sehr starke Meinungsverschiedenheiten gibt. Doch die Arbeit für eine geteilte Grundidee, die alle mittragen, lohnt sich immer und schafft im besten Fall eine echte Aufbruchsstimmung!
Wer mehr wissen will:
- Konsensfindung vor Ort – Kommunen auf dem Weg zu mehr direkter Demokratie: In der Politikwissenschaft wie in der kommunalpolitischen Praxis vor Ort sind in den letzten Jahren viele konkrete Strategien entwickelt worden, um Räume, Gremien und Prozesse zu schaffen, in denen Konsens möglich wird. Viele dieser Modelle lassen sich gut auf die intergenerationelle Arbeit übertragen. Anregungen von Kommunen aus allen Regionen Deutschlands finden sich auf der Website buergerrat.de des Fachverbands Mehr Demokratie: https://www.buergerrat.de/buergerraete/lokale-buergerraete/.
- Als deliberative Demokratie wird eine lebendige Gesellschaft bezeichnet, in der Demokratie viel mehr bedeutet, als alle paar Jahre einmal zur Wahl zu gehen. Ein guter Überblick über die Stärken einer demokratischen Gesellschaft, die auf vielen Ebenen konkretes Mitmachen ermöglicht, findet sich zum Nachlesen in einem shortcut der Bertelsmann-Stiftung. Hier wird auch deutlich, wie wichtig der Konsens für die Mitmach-Demokratie ist: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Demokratie_und_Partizipation_in_Europa_/Shortcut/Issue_1_Deliberative_democracy/Shortcut_Ausgabe_1-Deliberative_Demokratie.pdf.
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Die Beitragsreihe Strategien des Generationengesprächs ist ein Angebot vom GenerationenCampus in Kooperation mit der Leibniz Universität Hannover. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der DATIpilot-Förderrichtlinie gefördert. Wir danken herzlich dem Autor dieses Beitrages und zeitgleich unserem Partner Dr. Johannes Müller-Salo von der Universität Hannover.
